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vor 20 Stunden
4 Min. Lesezeit

Wer schreibt heute noch so schön über (enttäuschte) Liebe wie einst Jeff Buckley?

Und wer bitte war so unverfroren, jemanden wie ihn abzulehnen oder gar zu betrügen?

Den Songtexten hat es offenbar nicht geschadet, insofern hält sich mein Unmut in Grenzen, wenn es auch schwer nachvollziehbar bleibt.

 

Jeff Buckley prägte für viele an Popkultur Interessierte die Musiklandschaft Mitte der Neunziger ähnlich wie zuvor ein gewisser blonder, linkshändiger Gitarrist aus Seattle.

Dabei war er für mich stets das reifere und emotional stabilere Pendant zu Kurt Cobain.

Ausgerechnet im selben Jahr, in dem sich dieser auf so brutale Weise das Leben nahm und damit gleich ein komplettes Musikgenre beerdigte, erschien „Grace“, Buckleys einziges je fertiggestelltes Studioalbum.

Für mich eine der wichtigsten Veröffentlichungen des Jahrzehnts - und darüber hinaus.

Gerade was Gesang und Instrumentierung betrifft, und eben ganz besonders den Text.

 

Sein Stiefvater führt ihn in die Musik ein, schenkt ihm Alben von Led Zeppelin, Jimi Hendrix oder Pink Floyd – da ist er noch nicht mal ein Teenager.

Rückblickend sicher die Initialzündung, doch bleibt dies nicht der einzige Einfluss.

 

Später übt sich der ambitionierte Buckley, der eigentlich Scott Moorhead heißt und erst nach dessen Tod den Namen seines leiblichen Vaters - seines Zeichens erfolgreicher Folksänger - übernahm, an lyrischen Vorbildern wie Bob Dylan oder dem irischen Schriftsteller W. B. Yeats und macht daneben erste Gehversuche an der Gitarre.

Die beiden treffen sich nur ein einziges Mal, kurz bevor Tim Buckley im Jahr 1975 an einer Überdosis Heroin verstirbt.

 

Über einige Umwege – sowie seinen ersten öffentlichen Auftritt bei einem Gedenkkonzert für seinen Vater - gelangt er im Frühling 1991 ins New Yorker East Village, wo er bald regelmäßig im irischen Café Sin-é am St. Mark's Place spielt und wenig später von Plattenfirmen entdeckt wird.

Sein Repertoire reicht dabei von vornehmlich Cover-Songs bis hin zu ersten eigenen Kompositionen.

Der dort vorangegangenen EP „Live at Sin-é“ folgen schließlich die Aufnahmen zu „Grace“, das im August 1994 bei Columbia Records erscheint.

 

Nachdem jene abgeschlossen sind, verbringt Buckley die meiste Zeit auf Achse, um sich eine größere Fangemeinde zu erspielen. 

Und obwohl sich das Album anfangs nur schleppend verkauft, bleibt sein Talent auch etablierteren Künstlern nicht verborgen. Dass letztlich sogar Paul und Linda McCartney eines seiner Konzerte besuchen, muss für den jungen Musiker wie ein Fiebertraum gewirkt haben.

 

Doch der Erfolg stellt sich nicht überall gleichermaßen ein. Während Buckley innerhalb kurzer Zeit Fans in weiten Teilen Europas und Australiens für sich begeistern kann, bleibt das Publikum zuhause in den USA eher reserviert und er erreicht dort vor allem die elitäre Musikkritik, wird weiter als Geheimtipp gehandelt.


Kurz nach der ausgiebigen Tour zu „Grace“ mokiert er sich bei Auftritten, sichtlich verärgert, immer wieder über das „People’s Magazine“, das ihn im Jahr 1995 zu einem der „fünfzig schönsten Menschen“ gekürt hatte.

Dass die Reduzierung auf Äußerlichkeiten hier nun ausnahmsweise einen Mann trifft, mag auf den ersten Blick nach Geschlechtergerechtigkeit aussehen, ist für einen ernsthaften Künstler aber sicher nicht weniger ärgerlich.

Buckley war es schließlich so unangenehm, dass er und seine damalige Freundin loszogen und sämtliche Ausgaben der Zeitschrift kauften, die sie in die Finger kriegten, damit niemand sonst die ihm darin gewidmete Seite zu sehen bekam.

 

„Grace“ ist ein Album über Liebe als existenzielle Erfahrung - schön, schmerzhaft und spirituell aufgeladen.

 

In einem seiner bekannteren Songs - „Lover, You Should’ve Come Over“ - bringt er seine Zerrissenheit und Unfähigkeit, am Scheitern einer Beziehung noch etwas zu ändern, auf den Punkt:

 

„Too young to hold on

And too old to just break free and run“

 

Und einige Zeilen später:

 

„Oh, but maybe I'm just too young

To keep good love from going wrong“

 

Dazwischen hängt er eindringlich wie sehnsüchtig bittersüßen Erinnerungen an:

 

„It's never over

My kingdom for a kiss upon her shoulder

 

It's never over

All my riches for her smiles

When I've slept so soft against her

 

It's never over

All my blood for the sweetness of her laughter

 

It's never over

She is the tear that hangs inside my soul forever“

  

Morrissey und Jeff Buckley verband eine Art romantisch-musikalische Fernbeziehung, die schwankte zwischen platonischer Anerkennung des Oeuvres des jeweils anderen und verschmitzt-verliebten, jungenhaften Schwärmereien. Sie kommunizierten nie direkt, sondern versicherten sich stattdessen in Interviews ihrer Hochachtung voreinander.

Das trieb mitunter seltsame Blüten. Ich erinnere mich an eine Situation, in der eine Reporterin Buckley gegenüber andeutet, der „The Smiths“-Frontmann sei auf dem Weg zum Konzert, das jener gleich spielen sollte. Buckley reagiert merklich nervös und versichert sich mehrfach, dass dies kein Scherz sei („please, don’t play with my feelings!“).

 

Nicht verwunderlich, dass er zu Beginn seiner Karriere denn auch ein Cover des melancholischen, von Morrissey verfassten Klassikers „I know it’s over“ aufnahm.

Den Weltschmerz in Text und Stimme teilten sich offenbar beide.

 

Wer weiß, wie viele Alben, wie viel weitere geniale Texte und gefühlvolles Gitarrenspiel uns noch vergönnt gewesen wären?

Jeff Buckley starb am 29. Mai 1997 bei einem mysteriösen Badeunfall im Wolf River in Memphis, Tennessee.

Sein Körper wurde erst sechs Tage später von Passagieren einer Dampferfahrt entdeckt.

 

Wie bei so vielen jungen Rockstars ranken sich bis heute etliche Mythen um seinen Tod. Den Club 27 umschiffte er immerhin – er wurde 30 Jahre alt - sodass er zumindest jener Form der nachträglichen Heroisierung und Verklärung im breiten Mainstream, wie es beispielsweise den eingangs erwähnten Kurt Cobain drei Jahre zuvor traf, weitestgehend entging.

 

Was bleibt, ist die Musik. Und die Erkenntnis, dass sein Vermächtnis auch fast dreißig Jahre später durch eine neue Generation von Künstlern wie Lana Del Rey oder Radiohead fortbesteht.

 
 
 
31. Aug.
1 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 1. Sept.


Tausend Anfänge hat es gekostet, ehe ich diesen Artikel beenden konnte.

Tausend Anfänge und die Erkenntnis, dass ein falsches „Etwas“ oft besser ist als ein richtiges „Nichts“ (Morrissey würde mir in dieser Hinsicht sicher widersprechen).

Wie dem auch sei – nach monatelanger Abstinenz wird im Hause Massih wieder gelesen. Begriffe wie Bibliomanie kommen mir beim Schreiben bereits in den Sinn, dicht gefolgt von so bescheuerten Redewendungen wie besser „die Kirche im Dorf zu lassen“.

 

Alles begann damit, dass ich Recherchen zu einem Artikel über Jeff Buckley anstellte, der nie fertig wurde. In der Dokumentation „It’s never over“ (wie treffend!) stieß ich in einer kurzen Sequenz auf den Bücherstapel des Musikgenies, der sich auf dessen Nachttisch türmte, und bestellte bei Amazon mit „Laughable Loves“ direkt den Titel, der mir davon am vielversprechendsten erschien.

Die Lektüre enttäuschte nicht, und verblüfft nahm ich zur Kenntnis, dass der Klassiker „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ aus der Feder des ebenselben Milan Kundera stammt.

(Der Ehrlichkeit halber muss ich jedoch eingestehen, beide Bücher bisher nur zur Hälfte gelesen zu haben).

 

Doch damit nicht genug: für die literarische Druckbetankung zwischendurch eignet sich wunderbar die Shortlist des Literaturpreises „Wortmeldungen“. In Zeiten großer Langeweile immer wieder erprobt, lieferten die Nominierten wie Ausgezeichneten jedes Mal ab.

Besonders ins Herz geschlossen habe ich folgende Texte von Lea Sauer und Lara Rüter:

 


 

In der Hitparade meiner(!) kürzesten Wortmeldungen auf diesem Blog rangiert diese hier mindestens auf Platz fünf.

Bleibt also nicht viel zu wünschen übrig, außer guter Unterhaltung bei der Lektüre natürlich!

 
 
 

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